Zwei Mal im Jahr verwandelt sich die italienische Metropole in ein Schaufenster der internationalen Trends, italienischer Handwerkskunst und überraschende Innovationen. Vom 23. bis 29. September 2025 präsentierten ikonische Modehäuser und aufstrebende Talente ihre Kollektionen für die Saison Spring/Summer 2026. flair zeigt eine Auswahl an Highlights der Mailand Fashion Week im Recap.
Text: Jessica Haberl / Fotos: catwalkpictures, Labels
Die Mailand Fashion Week Spring/Summer 2026 im Recap
Prada
Die Prada Spring/Summer 2026 Womenswear Show inszenierte sich als poetische Dekonstruktion des Bekleidungsbegriffs – ein Spiel aus Verschiebung, Neuanordnung und überraschender Materialdramaturgie. Unter dem Titel „Body of Composition“ präsentierten Miuccia Prada und Raf Simons Silhouetten, die bewusst tradierte Hierarchien sprengten: Röcke, die nicht an der Taille, sondern von den Schultern getragen wurden, fragile Brassières ohne klassische Stütze, dazu Schürzenformen und Cut-away-Tops, die sich wie zufällig überlagerten. Diese Unkonventionalität fand ihre Spannung im Material: Luftige Baumwolle, Spitze und chiffongleiche Transparenzen trafen auf robuste Uniformstoffe, während Satin und plissierte Einsätze die Oberflächen aufbrachen. So entstand eine Kollektion, die durch Kontraste – zart gegen streng, funktional gegen verspielt – eine neue Eleganz formulierte. Prada zeigte Kleidung nicht als starre Form, sondern als wandelbares Geflecht, das Bedeutung im Moment erzeugt: flexibel, beweglich, stets im Dialog mit dem Körper und dem Jetzt.
Giorgio Armani
Die Giorgio Armani Women’s Spring/Summer 2026 Show im Palazzo Brera war ein zutiefst emotionales Finale der Mailänder Modewoche: Sie markierte nicht nur das 50-jährige Jubiläum des Hauses, sondern erwies auch dem im August verstorbenen Designer die letzte Ehre. Begleitet von den Klängen Ludovico Einaudis präsentierte sich die letzte Kollektion, an der Giorgio Armani selbst mitgearbeitet hatte, als stilles Vermächtnis seiner Ästhetik – geprägt von zeitloser Eleganz, klarer Linienführung und der subtilen Balance von Leichtigkeit und Raffinesse. Im Dialog mit der Ausstellung „Giorgio Armani: Mailand, aus Liebe“ in der Pinacoteca di Brera, die noch bis zum 11. Januar 2026 133 Archivkreationen neben italienischen Meisterwerken zeigte, verband die Präsentation Vergangenheit und Gegenwart zu einer Hommage an den Mann, der die moderne Idee von Eleganz über ein halbes Jahrhundert geprägt hat.
Emporio Armani
Unter dem Titel „Ritorni“ präsentierte Emporio Armani seine Spring/Summer 2026 Kollektion als eine elegante Rückkehr – inspiriert von jenem Schwebezustand zwischen Reise und Alltag. In der Fonderia Macchi entfalteten sich fließende Silhouetten aus Seide, Organza und glänzenden Metallic-Stoffen, kombiniert mit maskulinem Tailoring und femininer Raffinesse. Weite Hosen, locker geschnittene Blazer und schwingende Kleider trafen auf Details wie Fransen, abgehängte Gürtel und subtile Ikat-Prints. Die Farbpalette reichte von Sand, Kupfer und Elfenbein bis hin zu kräftigen Akzenten in Marine, Türkis und Zitrusgelb. So verband Emporio Armani Leichtigkeit und Reisesehnsucht mit urbaner Modernität – eine Kollektion, die Bewegung, Erinnerung und zeitlosen Chic in ein harmonisches Gleichgewicht brachte.
Bottega Veneta
Mit Spannung erwartet, markierte die Mailand Fashion Week auch das Debüt von Louise Trotter als neue Kreativdirektorin von Bottega Veneta. Mit ihrer ersten Kollektion für das Modehaus schlug die Designerin ein neues Kapitel für das Traditionshaus auf – unter dem Motto „To return to the beginning to find the present“. Klassiker wie Lauren und Knot erscheinen neu interpretiert, während neue Modelle wie Squash oder Crafty Basket mit texturaler Raffinesse überzeugen. Das Gesprächsthema der Saison war ein spektakuläres, innovatives Fransenmaterial: auf Basis von recyceltem Fiberglas entwickelt, changierte es zwischen Fell-Optik und gläsernem Schimmer und verlieh Mänteln, Kleidern und Tops eine hypnotische Dynamik.
Max Mara
Die Max Mara Spring/Summer 2026 Show inszenierte unter dem Titel „Rococo Modern“ eine moderne Liaison aus historischer Opulenz und klarer Gegenwart. Unter der Leitung von Ian Griffiths wurde Madame de Pompadour zur Leitfigur einer Kollektion, in der fein gefaltete „Coronas“ an Schulterpartien an Blattwerk oder Federkleider erinnern, während schmale Pencil- Schnitte von transparenten Volumen geschichtet werden. Organza, Chiffon und zarte Transparenzen spielen mit konventionellem Tailoring und disziplinierten Schnitten. Gleichzeitig verankern streng geschnittene Blazer, weit geschnittene Hosen mit niedriger Taille und elastische Gurtbänder das Ganze im Jetzt – ein Kontrapunkt zur verspielten Idee des Rokokos. Accessoires wie schwarze Harness-Gurte, markante Taschen und Bänder ziehen die dekorative Leichtigkeit zusammen mit klarer Logik – raffiniert, ohne in Verspieltheit zu verlieren. Insgesamt zeigt Max Mara mit „Rococo Modern“ keinen nostalgischen Rückgriff – sondern eine feinsinnige Neuinterpretation: Eleganz trifft Disziplin, Leichtigkeit trifft Stärke, und die opulente Vergangenheit wird zur stilistischen Linse für zeitgenössische Mode.
Ferragamo
Mit der Ferragamo Spring/Summer 2026 Kollektion übersetzt Kreativdirektor Maximilian Davis die Eleganz der 1920er Jahre in eine zeitgenössische Sprache: Inspiriert von einem Archivfoto der Schauspielerin Lola Todd im Leopardenlook kombiniert er exotische Muster, Seidensatin mit Animal-Dévoré, Plongé-Leder und Fransendetails zu einer modernen Vision der Roaring Twenties. Slipdresses aus Spitze, tief geschnittene Kleider und elegante Anzüge verleihen der Damenkollektion Selbstbewusstsein und Freiheit, während Zoot Suits und dandyhafte Elemente die Herrenkollektion prägen. Grafische Muster, Colorblocking und florale Seidencrêpons treffen auf ikonische Accessoires wie die Hug Bag in neuen Varianten und Schuhe mit dem skulpturalen S-Absatz, Ketten-Pumps und perlenbesetzten Mules.
Diesel
Mit der Diesel Spring/Summer 2026 Präsentation verwandelte Glenn Martens Mailand in ein Spielfeld: Statt einer klassischen Runway-Show fand die Kollektion als „Diesel Egg Hunt“ auf den Straßen der Stadt statt, wo 55 Looks in durchsichtigen, überdimensionalen Ei-Kapseln präsentiert wurden – frei zugänglich und demokratisch erlebbar. Die Mode selbst zeigte Diesel auf seinem experimentellen Höhepunkt: Satin-Denim aus recyceltem Polyester, lasiert und verfremdet, formte Schürzenkleider, Biker-Jacken und dekonstruierte Mäntel; Leder erschien rohkantig oder mit Prints „nicht-existenter Tiere“. Silhouetten spielten mit Doppel-Lagen, Trompe-l’œil-Effekten und offenen Nähten, während florale Chiffonwolken den Kontrast zur Utility-Ästhetik mit Multi-Pocket- Coats und X-Ray-Denim setzten. Accessoires wie die neue Load-D Bag, Pod-inspirierte Taschen und Schmuck in Wirbel- und Knochenskelett-Optik verstärkten das Spiel mit Realität und Illusion. Diesel zeigte damit nicht nur eine Kollektion, sondern ein Manifest: Mode als kollektives Erlebnis, disruptiv, zugänglich und radikal verspielt.
Jimmy Choo
Die Jimmy Choo Spring/Summer 2026 „Future Feminine“ Kollektion feierte eine neue Leichtigkeit: Pastellfarben, transparente Spitze und überraschende Materialien wie perforiertes Nappaleder oder trompe-l’œil-Suede prägen Pumps, Loafer und Taschen. Der ikonische FAIZ-Pump erscheint mit floraler Spitze, während der SUNNY Ballerina-Sneaker sportliche Athletik und Zartheit verbindet. Neben femininer Fragilität setzt die Neuauflage der BIKER-Boots in Toffee-Suede oder Schwarz ein starkes Statement. Accessoires wie die BON BON Tasche in Spitzenpastell oder die skulpturale BAR FILO vereinen Struktur und Weichheit – präsentiert in einem Mailänder Palazzogarten voller überdimensionaler Blüten.
Loro Piana
Die Loro Piana Spring/Summer 2026 Kollektion wurde im frisch restaurierten Palazzo Citterio in Mailand gezeigt: Eine subtile Fusion von Kunst und Mode, bei der Farbe im Mittelpunkt stand. Zwischen den lichtdurchfluteten Sälen mit Werken von Picasso, Modigliani und Morandi entfaltete sich eine Kollektion, die die unverkennbare Silhouette des Hauses mit leuchtenden Nuancen und feinen Mélange-Effekten inszenierte. Maximale Leichtigkeit zeigte sich in fließenden Silhouetten, transparenten Jacken und sommerlich interpretiertem Tweed, während Signature-Pieces wie die Traveller- und Spagna-Jacke in neuen Varianten erschienen. Edle Materialien – Cashmere, Seide, Merinowolle – wurden in erdigen Nuancen mit Akzenten von Türkis, Rot oder Gelb neu belebt.
Weit geschnittene Mäntel, elegante Slipdresses, Blazer mit Schalkragen und übergroße Hüte unterstrichen die Mischung aus nonchalanter Raffinesse und strukturierter Präzision. Accessoires wie skulpturale Taschen und großformatige Hüte verbanden Tradition mit jugendlicher Energie. So gelang es Loro Piana, den für das Haus typischen „Quiet Luxury“ mit mutigen Farben und einer modernen Gelassenheit in die Gegenwart zu übersetzen.
Ermanno Scervino
In der Ermanno Scervino Spring/Summer 2026 Show erwachte eine Ode an Licht und Transparenz zum Leben: Frauen als nomadische Figuren, inspiriert vom mediterranen Flair Capri, bewegten sich in fließenden Lagen aus Spitze, Häkelarbeiten und gewebten Kräften. Die Kollektion spielte mit Volumen und Leere, ließ Stoffe sprechen – Chiffon, der durch die antike „Iris- Petal“-Technik strukturiert wurde, und Nappaleder, das seinen Glanz bewahrte, selbst in asymmetrischen Falten. Die Farben reichten von gesättigtem Indigo über warmen Sand bis zu kalkigem Weiß, punktiert von lebhaftem Mandarinorange. Kristallbesetzte Details, Cut-outs und geometrische Stickereien erinnerten an brillante Keramiken, während Accessoires aus Strohwaren, Bambusgehäuse, Leder und Häkeltexturen eine Balance zwischen Handwerk und avantgardistischer Romantik fanden. Flip-Flops mit Spitzensohlen, Korkkeile, samtige Loafer – die Schuhe spielten leicht und unverkrampft mit Formen. Insgesamt entstanden Looks, die mit natürlichem Charme und technischer Finesse zugleich inszeniert wurden – eine elegante Vision von Bewegung, Licht und mediterraner Sinnlichkeit.
BOSS
Die BOSS Spring/Summer 2026 Show „The BOSS Paradox“ eröffnete in der Fonderia Macchi Mailand einen spannungsvollen Dialog zwischen Ordnung und Unordnung. Geometrische Silhouetten und präzises Tailoring, inspiriert vom deutschen Industriedesign der 1960er Jahre, standen im Kontrast zu chaotischen, tänzerisch anmutenden Elementen, die an moderne Kunst und zeitgenössischen Tanz erinnerten. Eine zentrale Rolle spielte die Installation „Aesthetics of Decay“ des niederländischen Künstlers Boris Acket: ein atmendes Kunstwerk aus Licht, Bewegung und Klang, das Schöpfung und Verfall zugleich sichtbar machte. Ergänzt wurde die Show durch digitale Werke internationaler Künstler:innen, die mithilfe von KI neue ästhetische Welten erschufen. Damit definiert BOSS Mode als Plattform für Dialog, Experiment und kulturelle Reflexion.

MCM
it der Präsentation „MCM: The Art of Motion“ kehrte das Luxuslabel in die Casa degli Artisti zurück und verband für Frühjahr/Sommer 2026 die Philosophie des Taekwondo mit modernem Design. Unter der Leitung von Dirk Schönberger entstanden skulpturale Silhouetten, die Disziplin und Fluidität zugleich verkörperten: aus übergroßen Kampfsportgürteln geformte Kleider, ein leuchtend blauer Judoknoten als skulpturales Detail, plissierte Ballonhosen und gesteppte Bomberjacken mit klarer Taille. Materialien wie Judo-Baumwolle, Canvas, Wolle und technisches Jersey unterstrichen die Idee von Kleidung als performativem Körper in Bewegung. In einem Dojo-artigen Setting mit KI-Hologrammen und immersiven Installationen wurde so ein Dialog zwischen Tradition und Innovation inszeniert, der MCMs Werte von Freiheit, Dynamik und Transformation eindrucksvoll ins Heute übersetzt.
Ferrari
Die Ferrari Officina Spring/Summer 2026 Kollektion von Kreativdirektor Rocco Iannone übersetzt die Präzision und Reduktion der Automobilkunst in Mode. Im weißen, futuristischen Setting der Officina entstand eine klare, vertikale Silhouette, in der Form und Funktion eine Einheit bilden.
Materialien wie Seidencanvas, Tussahseide, Kaschmirgaze, Seidenmoiré, Nappa und Denim wurden auf ihre Essenz reduziert und in Naturtönen von Butterweiß bis Rost, nur akzentuiert durch Ferrari-Rot, präsentiert. Die Kollektion entwickelte sich von puristischen Kleidern und lockeren Tailoring-Pieces über experimentelle Designs in geätztem Denim und airbrush-behandeltem Strick bis hin zu skulpturaler Fluidität in metallischem Schimmer. Accessoires wie Canvas-Pumps, Driving Shoes, die weiche Dino Bag und der kantige Nello-Tool Case griffen die Verbindung von Handwerk und Ingenieurskunst auf. So schuf Ferrari eine Modekollektion, die – wie ihre Autos – Geschwindigkeit, Klarheit und emotionale Präzision verkörpert.





